Reisebericht Nepal Mai 2015

Am 25.5. 2015 erreichte unser Pangea-Mitglied Jochen Höffgen Kathmandu. Dort traf er den Arzt Sandep Silawal, der bereits seit 14 Tagen in den Krankenhäusern im Kathmandutal aktiv war. Sandep Silawal ist Nepalese und hat in Deutschland Medizin studiert. Sein Vater war Lehrer am Goetheinstitut in Kathmandu und hat die Schulprojekte im Gorkha-District vor 28 Jahren mit entwickelt.

Jochen Höffgen berichtet:

„ Mit unseren med. Hilfsgütern und Zelten kamen wir nach 5 Stunden Autofahrt spät nachts in Ghorka an. Gorkha-Stadt ist mit relativ geringen Schäden davon gekommen. Die allermeisten Gebäude stehen noch und die Spuren des Erdbebens sind wie in unserer Unterkunft in den Wänden zu sehen…sie haben Risse und die eine oder andere Tür klemmt. In den Gärten der Häuser stehen Zelte als Notunterkünfte, die von vielen Menschen nachts genutzt werden.

Bericht_aus_Nepal_01Am nächsten Morgen ging es weiter nach Jaubari. Wir fuhren durch kleine Dörfer, die vom Erdbeben stark gezeichnet waren. Oft mussten wir aussteigen, damit das Fahrzeug die großen Unebenheiten überwinden konnte. 6 Stunden später erreichten wir das Dorf Jaubari und am höchsten Punkt der Siedlung sahen wir die Überreste der Schule, die wir vor 25 Jahren gemeinsam mit den Dorfbewohnern aufgebaut hatten.

Wir wurden von den Dorfältesten, dem Schulkomitee und älteren Handwerker begrüßt. Einzelne erinnerten sich an die gemeinsame Aufbauarbeit vor 25 Jahren und die positive Entwicklung und Begleitung der Schule danach. Ausführlich wurden wir über die Auswirkungen des Erbebens informiert.

„Wir hatten Glück“, berichtet uns ein Lehrer der Schule und zeigt dabei auf den Trümmerhaufen seiner Schule… Es war Samstag am späten Vormittag, als die Erde bebte. Die meisten Menschen arbeiteten auf ihren Feldern und die Schule war geschlossen.“

Bericht_aus_Nepal_02Am späten Nachmittag trafen wir uns noch mit der Frauenorganisation von Jaubari, die uns berichteten, wie wichtig ihnen die Schule in den letzten 25 Jahren geworden ist, und betonten, dass sie als Frauen besonders davon partizipiert hätten.

Als Beispiel brachten sie stolz ihre kleine Bankorganisation für Mini-Kredite ins Gespräch, die von Frauen für Frauen gegründet wurde. Durch die Zerstörung der Schule fehlen ihnen die Räume für ihre regelmäßigen Treffen.

Ein Auszug aus dem vom Schulkomitee formulierten Antrag auf Unterstützung (Datumsangaben richten sich nach nepalischem Kalender) von S. Silawal übersetzt:

„Unsere Schule, Shree Janajyoti Higher Secondary School befindet sich in Chipleti, im Gorkha Distrikt, 12 Km entfernt vom Zentrum Gorkhas im Jaubari V.D.C Nr-5. Erbaut im Jahr 2021 B.S. besuchen etwa 500 Schüler/innen diese Schule aus Dörfern Kerabari, Thalajung, Shreenathkot usw. In Chipleti und Umkreis leben etwa 4500 Menschen besonders aus sogenannten Minderkasten. Da die Menschen ihren Lebensunterhalt aus dem Agrar verdienen sind ihre finanziellen Status eher niedrig. Durch das katastrophische Erdbeben wurden alle Gebäude der Schule am 12-01-2072 komplett ruiniert.“

Bericht_aus_Nepal_03Am späten Nachmittag ging es dann abwärts in die Flussebene und dann 2 Stunden über scheinbare endlose Stufen aufwärts zum kleinen Ort Langdi. Langdi ist typisch für Nepal: ein kleiner Ort, so zerklüftet und zerteilt wie das ganze Land. Ein Zickzack aus nicht immer sichtbaren Treppen und Trampelpfaden verbindet die Häuser und Felder.

Dunkelheit, starke Regenfälle und Gewitter machten unseren Aufstieg über glitschige Stufen und Pfade schwierig. Erschöpft und durchnässt erreichten wir nach einigen Fehlversuchen den richtigen Pfad zum Haus der Tante von Sandeep. In diesem Haus habe ich bei meinem letzten Besuch vor 25 Jahren gewohnt. Jetzt war von dem traditionellen Haus aus Lehm und Felsen nur noch der Stall der Wasserbüffel unbeschädigt.

Bericht_aus_Nepal_04Wir konnten bei Nachbarn auf der Veranda unser Nachtlager aufschlagen. Vorher gab es noch reichlich Dal Bhat (Linsen, Reis und Gemüse der Saison). Die Dorfbewohner schliefen alle in improvisierten Zelten aus Bambus und Plastikplanen.

Am nächsten Morgen hatten wir ein Treffen mit dem Schulleiter und Lehrerinnen in der Schule, die wir vor 27 Jahren mit den Dorfbewohnern gebaut haben. In dieser Zeit besuchten ca. 50 Kinder die Shree Adarsha Primary School in Langdi. Zum jetzigen Zeitpunkt sind es nur noch 28 Kinder. Viele der jüngeren Bewohner haben das Dorf verlassen und arbeiten auf Baustellen in arabischen Ländern, in Indien und Kathmandu.

Bericht_aus_Nepal_05Die Schule wies auf dem ersten Blick nur wenige Schäden auf. Es zeigte sich aber bei der Begehung der Klassenräume, dass einige Wände eingebrochen waren und Schulmaterial unter sich begraben hatten. Das Dach aus Steinplatten hat sich verschoben und es besteht die Gefahr, dass Stützbalken die Last des Daches nicht mehr tragen würden. Gemeinsam mit den Lehrerinnen und dem Dorfkomitee fanden wir eine Übergangslösung, damit der Unterricht in den kommenden Tagen wieder aufgenommen werden konnte. Es wurden „mobile Klassen“ aus Zeltplanen und Teleskopstangen, die wir aus Bremen mitgebracht hatten, zur Verfügung gestellt. Die Kinder freuten sich über die neuen Bücher, Puzzle und Bälle.
Bei unseren Beratungen kam ein Vertreter der Regionalbehörde dazu, um den Schaden der Schule aufzunehmen. Die Bewohner des Dorfes hatten aber wenig Hoffnung, dass sie Hilfe von der Regierung bekommen.

Bericht_aus_Nepal_06Am 27.05. in der Mittagshitze ging es über Stunden ständig aufwärts durch grüne Reisfelder, Bambushaine und Buschwerk. Wir trafen in dieser dünnbesiedelten Gegend auf traditionell gebaute Häuser, die teilweise oder ganz zerstört waren. Die Bewohner hatten sich zwischenzeitlich Notunterkünfte aus bunten Plastikplanen gebaut.
Schon von weitem sahen wir am Anfang des Dorfes Chipleti auf einem flachen Hügel das Trümmerfeld der „Shree Janajveti High Secondary-School“. 300 Meter entfernt von diesen Trümmern entstanden Klassen aus Holzlatten, Bambus und Wellblech. Das Material wurde teilweise aus den Trümmern geborgen und zurechtgebogen. Wie es sich später herausstellte, wurden diese Übergangsklassen von jungen, freiwilligen Helfern aus Nachbardörfern erstellt.

Wir wurden von dem Schulleiter begrüßt, der uns umfassend über die Situation seiner Schule informierte.

Bericht_aus_Nepal_07Später saßen wir in einem nur leicht beschädigten Verwaltungsgebäude in der Nähe der Hauptschule mit den Dorfältesten und dem Schulkomitee zusammen. Vorrangig ging es um temporäre Hilfen, damit der Schulbetrieb wieder aufgenommen werden konnte (Eine Aufstellung über notwendige Hilfe wurde 2 Tage später nachgereicht). Von Seiten Pangea e.V. wurden kurzfristig € 1.000,00 zugesagt, um eine Toilette und weitere Behelfsklassen zu bauen.

Es wurde vereinbart, dass der Antrag auf Hilfe in Deutschland zügig bearbeitet wird. Gut gefallen hat uns bei dieser Schule, dass sie praktische Lernfelder hat. Es gibt einen Schulgarten, Tierhaltung (Hühner und Schweine)… der Versuch einer Fischzucht war ihnen misslungen.

Bericht_aus_Nepal_08Anschließend kamen wir in einem kleinen offenen Teeshop mit der Frauenorganisation Chipleti zusammen (People & wareness female group). Die 24 Mitglieder der Frauengruppe halten den Wiederaufbau der Schule für dringend erforderlich, zumal die Schulräume auch für ihre Treffen und andere Aktivitäten des Gemeinwesens genutzt werden.

Um unseren Zeitplan einzuhalten, vereinbarten wir mit dem Vertreter des Schulkomitee’s aus Dharapani, das Sandeep Silawall die Besichtigung der Shree Sita Devi Primary School in Dharapani vornimmt. Diese Grundschule wird von 25 Kindern besucht und liegt ca. 1 Stunde Fußmarsch von Chipleti entfernt. Die Schäden an dieser Schule waren überschaubar. Es sind einige Zwischenwände eingestürzt und haben Schulmaterial unter sich begraben.

Bericht_aus_Nepal_09Das Restaurationskomitee, Vertreterin des Frauenkommitees und der Schulleiter überreichten uns 2 Tage später eine Schadensaufstellung und vorläufige Kostenkalkulation für die die Reparaturen und Ersatzbeschaffung.

Am 28.05. kamen wir erneut mit dem Schulleiter und Schulkomitee der Grundschule in Langdi zusammen. Gemeinsam mit den Lehrerinnen bauten wir die „mobilen Klassenräume“ auf und absolvierten „einen Probeunterricht“. Mit der Reparatur und Renovierung der Schule soll erst im Okt./Nov. 15 begonnen werden. Erst muss die Statik der Schule geprüft werden und das Dach von seinen Steinplatten befreit werden. Anknüpfend an die guten Erfahrungen vor 25 Jahren würde das Schulkomitee es begrüßen, wenn wieder UnterstützerInnen aus Deutschland beim Aufbau helfen würden.

Bericht_aus_Nepal_10Nachmittags wurde noch die einklassige Shree Ghyampey Devi Primary School in Paunduta besucht, um dort die Beschädigungen zu besichtigen. Dieser Ort ist über kleine Pfade von Langdi in Richtung Jaubari nur fußläufig zu erreichen. In dieser kleinen Grundschule werden nur 5 Kinder beschult. Auch an dieser Schule waren die Mauern teilweise stark beschädigt und das Schulmaterial wurde zerstört. Der Reparaturaufwand wird auf ca. 1.500 – 2.000 € geschätzt. Vor 26 Jahren wurde diese Schule mit Helfern aus Deutschland gebaut.

Am 29.05. frühmorgens um 6.00 Uhr war unser Aufbruch in Richtung Chipleti, um von dort einen Bus nach Gorkha zu bekommen. Noch einmal konnten wir bei klarem Morgenhimmel eine wundervolle Aussicht auf den Himalaya genießen.

Bericht_aus_Nepal_11Unsere Absicht mit dem Bus zu fahren, wurde schnell aufgegeben, da dieses Fahrzeug mehr als überladen war. Weder im noch auf dem Bus gab es Platz, um 4 Stunden erträglich befördert zu werden. Wir entschieden uns für einen mehrstündigen Marsch durch eine schöne Landschaft.

Nach 7 Stunden waren wir allerdings für die Hilfe eines Traktorfahrers dankbar, der uns die letzten 10km mit nahm. Wir erreichten „völlig ausgetrocknet“ den Ort Tornakilo in der Hoffnung, von dort einen Bus nach Mugling zu bekommen. In großer Vorfreude bestellten wir uns in einem typisch nepalischen Restaurant kalte Getränke, als völlig überraschend ein kurzes Nachbeben einsetzte und die Menschen schreiend aus ihren Häusern flüchteten … danach wurde gelacht und es zeigte sich große Erleichterung.

Unser Bus nach Mugling, vorgesehen für 40 Personen, wurde mit fast 90 Personen bestückt, was dank offener Fenster noch erträglich war.

Von Mugling haben wir uns mit dem Ziel Kathmandu einen Jeep mit anderen Reisenden geteilt, da auch auf dieser Strecke die Busse völlig überladen waren.

Bericht_aus_Nepal_12Am 30. und 31.05. wurden noch Medikamente in Krankenhäusern verteilt und die Anträge der Schulen (Anlagen) bearbeitet.
In Kathmandu wurden wir abends wieder von einem kurzen Nachbeben überrascht, das aber keine großen Schäden anrichtete.

Am 01.06. haben wir (Sandeeep und ich) uns von Kathmandu getrennt mit der Absicht, im Okt./Nov. 2015 wiederzukommen, um die o.g. Schulen vor Ort mit freiwilligen Helfern zu unterstützen.

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Hier gibt es ein Video zum Projekt.

Zum Schluss noch Dank an meine Mitreisenden:

Sandeep Silawal (Arzt aus Nürnberg,
Sanjog Silawal, Informatik Student
Rohit Upreti, Physik Student (lernt Deutsch am Goethe-Institut in Kathmandu),

die mit großer Geduld und Humor als Übersetzer in unseren großen – und kleinen Runden tätig waren. Darüber hinaus haben sie unterschiedliche Dokumente aus dem Nepalesischen ins Englische und Deutsche übersetzt.
Umfassendes Foto und Filmmaterial wurde noch in den letzten Stunden vor der Abreise von Sanjay und Rohit  gesichtet und den einzelnen Schulprojekten zugeordnet wurde .Alle drei werden die Schulprojekte in der Zusammenarbeit mit Pangea eV. und Freunden weiterhin begleiten und unterstützen.

Anträge der 5 besuchten Schulen liegen vor und können auf Wunsch zugesandt werden.

Die erste Überweisung in Höhe von 51.000 NR für den Toilettenbau in Chipleti wurde in Kathmandu auf das Schulkonto eingezahlt.